Lehrerpersönlichkeit und Klassengemeinschaft – zwei schillernde Leitbilder

Schon seit einiger Zeit hört man hier die Frage: Was wollen die Gegner der Gemeinschaftsschule eigentlich? Dies ist seit dem Erscheinen der 2. Nummer der „Zeitung zum Bürgerentscheid“ etwas klarer. Wieder gibt es kein Wort über den Schulstandort Rielasingen-Worblingen, aber dafür zahlreiche Artikel über das Gemeinschaftsgefühl und die große Bedeutung des Lehrers, (zweimal die Überschrift: „Auf den Lehrer kommt es an“). Illustriert wird das Ganze durch das typische Bild des Frontalunterrichts, die Schülerinnen und Schüler in Rückenansicht, im Fokus steht der agierende Lehrer. Das Vertrackte daran ist, dass dies ein vertrautes Bild ist, vor allem für ältere Mitbürger, die moderne Unterrichtsformen (Individualarbeit oder Gruppenarbeit, um die wichtigsten zu nennen) nicht kennengelernt haben. Und wenn ihnen eingeredet wird, diese bewährte Normalität sei in Gefahr, werden viele, gerade Wohlmeinende, verunsichert.Lehrerpersönlichkeit

Lehrerbilder

Der die Klasse in seinen Bann ziehende Lehrer – das ist ein Typus, den es in der Wirklichkeit, aber vor allem in Filmen gibt, z.B. in „Der Club der toten Dichter“, in dem ein solcher begnadeter Lehrer die Schüler zum eigenen Denken bringt. In dem Film „Die Welle“ dagegen wird das Bild des faszinierenden Lehrers ins Bedenkliche gesteigert: Der junge Lehrer hier setzt bewusst seine charismatischen Fähigkeiten ein, um die Klasse dadurch zur Selbsterkenntnis der eigenen Verführbarkeit zu bringen, was beinahe schiefläuft. Jeder hat ein Bild seines Lieblingslehrers, seiner Lieblingslehrerin vor Augen, aber auch Erinnerungen an langweilige und – noch schlimmer – ungerechte Lehrer. – Wie sieht der Normalfall des Frontalunterrichts aus? Etwa so: Vierte oder fünfte Unterrichtsstunde, der Vormittag beginnt anstrengend zu werden. Vorne steht der Lehrer, erklärt, stellt Fragen, die Finger gehen hoch, Einzelne werden aufgerufen, die Ergebnisse kommen zum Abschreiben an die Tafel. Unter der Bank haben viele ihr Smartphone oder Handy und schicken sich SMS oder surfen im Netz. Schon seit Jahrzehnten ist das Grundproblem der vorwiegend lehrerzentrierten Unterrichtsform bekannt: Abschalten und/oder Störungen durch in eine allzu passive Rolle gedrängte Schülerinnen und Schüler.

Lehrerpersönlichkeit – ein fragwürdiges Ideal

Warum ist die von den Gegnern der Gemeinschaftsschule propagierte Idee der Lehrerpersönlichkeit so irritierend? Zum einen, weil durch die Gemeinschaftsschule tüchtige und beliebte Lehrer überhaupt nicht abgeschafft werden, zum andern, weil jeder zustimmen kann, ja klar, natürlich ist es gut, wenn ein Lehrer über persönliche und menschliche Qualitäten verfügt. Zum dritten, weder in der pädagogischen Ausbildung noch in den heutigen Bildungsdebatten spielt die Lehrerpersönlichkeit eine Rolle. In der Pädagogik gilt heute: „Aufgrund seiner Nichtmessbarkeit bewegt sich der Begriff der Lehrerpersönlichkeit im Hochnebel.“ (Ludwig Haag, Uni Bayreuth). In der 1. Zeitung zum Bürgerentscheid war in dem Artikel „Auf den Lehrer kommt es an“ zu lesen: Lernbeeinträchtigung werde bewirkt durch „falsche Theorien und unrealistische Vorstellungen vom Leben“, solche Kinder seien „nicht ‚krank‘, und sie müssten nicht zum Arzt, (…), aber der Lehrer kann und muss helfen.“ Der dort dargestellte Lehrer verfügt über „Einfühlungsvermögen“, er ist ferner „Vorbild“ und ein „Meister seines Fachs. Seine Freude und Begeisterung [für sein Fach] übertragen sich auf den Schüler.“ Der auf eine ihm zugewandte Schulklasse wirkende Lehrer als Vorbild, als Leitfigur, als Arzt, als sinngebende Instanz – das ist eine fragwürdige Wunschfantasie. Der hier skizzierte Lehrer verfügt über in seinem Wesen angelegte Ausstrahlung, er hat Macht über andere und weiß sie zu nutzen. Die Kinder und Jugendlichen schauen zu ihm auf, verehren ihn und folgen ihm. Ein solches Lehrerbild passt nicht zu einer demokratischen Gesellschaft.

Der Lernbegleiter ist und bleibt Lehrer

Was erwartet man von einer modernen Lehrerin, einem modernen Lehrer? Lernbar und überprüfbar sind „Expertenkompetenzen“ (das Wissen über Sach- und Bildungsinhalte und fachspezifisches pädagogisches Wissen wie Methodenkompetenz). Dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale darüber hinaus förderlich und gut sind (Belastbarkeit, Geduld, Wohlwollen, Bemühen um Gerechtigkeit, Empathie, Zugewandtheit, Einsatz, Freude am Beruf, …), steht außer Frage. Aber all das trägt nicht zum Thema GMS bei. Gute Lehrer können an allen Schulformen wirken, aber es gibt strukturelle Bedingungen, die für das Lernen und die Eigentätigkeit von Kindern und Jugendlichen besonders förderlich sind. Und darum geht es ja vor allem: Die Eigentätigkeit muss gefördert werden. Die Gemeinschaftsschule erfordert aufgrund der gemischten Lerngruppen (Heterogenität) und der Individualisierung des Lernens besondere Kompetenzen, die alle erlernbar sind. Der Lehrer muss keine Lichtgestalt sein. Der Lernbegleiter steht nicht über den Schülern, sondern arbeitet mit ihnen. Dieses demokratische Element steckt in der Bezeichnung „Lernbegleiter“.

Klassengemeinschaft und Lerngruppe

Und welcher Unterschied besteht zwischen einer Lerngruppe und einer Klasse? Eigentlich gar keiner. Eine Schulklasse ist zunächst eine Gruppe gleichaltriger Kinder (Jugendlicher), eine (Zwangs)-Gemeinschaft, weil sie ja nicht aufgrund von eigener Entscheidung gebildet wird. Zu einer produktiv und gut miteinander umgehenden Gruppe (Gemeinschaft) wird sie erst, wenn ein Klima des Respekts, der gegenseitigen Anerkennung, der konstruktiven Zusammenarbeit vorhanden ist; und das muss erarbeitet werden – gegen Störungen, Rangkämpfe, Konkurrenzkämpfe, Mobbing. Das ist seit jeher die Aufgabe der Lehrerinnen und Lehrer. Es darf angenommen werden, dass solche Störungen durch ein selektierendes und Schulsystem verstärkt werden, in dem es ständig um Noten geht. Der Begriff der Lerngruppe ist nur eine andere Bezeichnung für Klasse, ebenfalls ein programmatisches Wort, das die Tätigkeit der Schüler betont. Die Schülerinnen und Schüler sollen im gemeinsamen Lernen soziale Kompetenzen entwickeln und erweitern, indem sie lernen, für sich und für andere Verantwortung zu übernehmen. Bloße Gemeinschaftsschwärmerei ist nichts als – Schwärmerei.

Die Fokussierung auf die Lehrerpersönlichkeit und die Klassengemeinschaft durch die Gegner der GMS in Rielasingen ist ein Unikum. An keinem anderen Ort, wo über die Gemeinschaftsschule gestritten wird, argumentiert man auf diese Weise. Es geht um Schulstandortfragen und natürlich um die den heutigen und künftigen Gegebenheiten angemessenste Schulform. Die ‚Lehrerpersönlichkeit‘ und die idealisierte ‚Klassengemeinschaft‘ eignen sich nicht als Zentrum einer bildungspolitischen Auseinandersetzung, denn sie lenken von den eigentlichen Themen und Aufgaben ab. Und: Das ‚Ideal der Lehrerpersönlichkeit‘ war schon in den frühen Sechzigerjahren in der Pädagogik bestenfalls von historischem Interesse, es ist also seit über einem halben Jahrhundert out.

Eva Schnell

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