Die ARGE GMS Südwest hat letzte  Woche folgenden offen Brief an die CDU-Verhandlergruppe verfasst:

ARGE GMS SÜDWEST
Arbeitsgemeinschaft für Elternvertreter an Gemeinschaftsschulen

Thomas Strobl als CDU-Verhandlungsführer
Georg Wacker als CDU-Sprecher der Arbeitsgruppe Bildung

Unser Bildungssystem wird die Menschen hervorbringen, die in Zukunft als Erwachsene gesellschaftlich agieren und maßgeblich über den Zustand der Gesellschaft entscheiden werden. Bildung ist eine der elementarsten Fragen der Gesellschaft. Richard David Precht am 4. März 2016

Sehr geehrter Herr Strobl , sehr geehrter Herr Wacker, liebe weitere Mitglieder der Arbeitsgruppe Bildung!
Im Namen von rund 70.000 Vätern und Müttern von Gemeinschaftsschülerinnen und -schülern in Baden-Württemberg appellieren wir an Sie, unsere Kinder bei Ihren Koalitionsverhandlungen nicht zur Verhandlungsmasse zu machen. Räumen Sie den derzeit 299 und noch folgenden Gemeinschaftsschulen einen festen Platz in der Schullandschaft unseres Bundeslandes ein – und lassen sie ihnen Raum für Aufbau und Weiterentwicklung. Bitte beachten Sie den beigefügten Brief einer Schülersprecherin, wie sie ihre Schulform im Alltag erlebt und weiterentwickeln möchte.
Opfern Sie moderne Schulentwicklung nicht mutwillig parteipolitischen Machtgedanken, sondern lassen Sie sich – gemeinsam mit vielen CDU-geführten Kommunen im Südwesten – auf neue Bildungswege ein. Sie tragen in diesen Tagen die Verantwortung für die schulische Zukunft von Lena und 35.000 weiteren Landeskindern.

Unser Bild von einer Schule der Zukunft

Wir als Eltern und Wahlbürgerinnen und -bürger sind überzeugt, dass Gemeinschaftsschulen eben keinen Einheitsbrei fabrizieren, wie Sie im Wahlkampf sehr provokativ plakatierten. Ganz im Gegenteil: Unsere Gemeinschaftsschulen stellen sich mutig, entschlossen und mit individuellen Lösungen den Herausforderungen unserer Zeit: Diversität, Integration, Inklusion und Bildungsgerechtigkeit.
Wir sehen Vielfalt als Chance und wollen unseren Kindern auf den Weg geben, in der Vielfalt das Verbindende, Bereichernde zu suchen und zu erleben. Schule für alle bedeutet eben gerade nicht, zu vereinheitlichen und zu homogenisieren, sondern Lernwege aufzuzeigen, die voneinander verschiedene Kinder in unterschiedlichem Tempo und trotz unterschiedlichster Voraussetzungen gehen können. Wir sind wie viele andere überzeugt: Gemeinschaftsschulen sind die Treibhäuser für die Gesellschaft von morgen.
Wir wissen, dass in der CDU Baden-Württembergs teilweise andere Bildungswerte gelebt werden. Zugleich haben sich jedoch etliche CDU-geführte Kommunen als Schulträger für die Gemeinschaftsschule entschieden und dies nicht allein aus strukturpolitischen Erwägungen, sondern weil sie anhand vieler erfolgreicher Beispiele aus dem In- und Ausland erkennen, dass die Pädagogik/Methodik der Gemeinschaftsschule gute bis sehr gute Schulen möglich macht. Nicht umsonst sind seit Jahren die Gemeinschaftsschulen die preiswürdigen Schulen beim Wettbewerb um den deutschen Schulpreis

Eltern befürchten Kahlschlag-Politik

Die Gemeinschaftsschulen im Südwesten sind im Aufbau. Sie sind jung und damit noch anfällig. Ohne einen Welpenschutz können schon wenige gezielte (Spar-)Maßnahmen und Einschnitte ins pädagogische Konzept die Vision des längeren gemeinsamen Lernens ernsthaft gefährden. Daher stellt sich uns eine maßgebliche Frage: Dient es dem Land und seinen Kindern, an bald schon 50.000 Schülerinnen und Schülern ein Exempel zu statuieren und zigtausendfache Brüche in der Bildungsbiografie zu provozieren? Bitte erinnern Sie sich und respektieren Sie: Die Schulträger vor Ort haben sich aktiv für dieses Schulkonzept beworben, die Familien sich bewusst für diese in ihren Augen zukunftsweisende Form des Lernens entschieden.
Bitte trauen Sie den Kommunen und den Eltern zu, dass sie mündig und verantwortungsbewusst genug sind, zu entscheiden, ob die Schulform in die Bildungslandschaft vor Ort passt und ob sie die richtige Wahl für die eigenen Kinder ist. Tragen Sie dafür die Verantwortung, dass die Gemeinschaftsschüler ihren eingeschlagenen Lernweg ohne Hindernisse weitergehen können. Legen Sie den Menschen, die seit Jahren und auch in Zukunft neue Wege für unser Land einschlagen und anlegen, keine Steine in den Weg.

Drei Forderungen an die CDU-Arbeitsgruppe Bildung

Wir formulieren drei konkrete Forderungen an die christdemokratischen Mitglieder der Arbeitsgruppe Bildung:
EINE STUNDE ZEIT FÜR DIE GEMEINSCHAFTSSCHULE Nehmen Sie sich in diesen Tagen der schwierigen Verhandlungen die Zeit und besuchen Sie (nochmals) eine Gemeinschaftsschule in Ihrer Nähe. Erklären Sie den Schülern und engagierten Lehrern vor Ort Ihre Zweifel und besprechen Sie Ihre Änderungsvorschläge mit den Betroffenen. Alternativ: Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit für das Gespräch mit uns – wir besuchen Sie gerne!
BESTANDSSCHUTZ FÜR DAS SCHULGESETZ Wir Eltern haben unsere Kinder aufgrund einer bestehenden Gesetzeslage an den Gemeinschaftsschulen angemeldet. Den wenigsten war bewusst, dass diese Schulen in Kürze gefährdet sein könnten. Niemand hat damit gerechnet, dass wir nach 4 Jahren schon um den Erhalt einer Schulart kämpfen müssen, die bei Schülern, Lehrern, Eltern und in der Gesellschaft zunehmend beliebter wird. Als Kernforderung und in klarerer Abgrenzung zur weiterentwickelten Realschule BW bestehen wir darauf, dass an den Gemeinschaftsschulen weiterhin uneingeschränkt alle drei Leistungsniveaus gleichberechtigt angeboten werden und das E-Niveau (gymnasialer Standard) sowie die Möglichkeiten zur Beantragung der gymnasialen Oberstufe erhalten bleiben. Wir erwarten zudem keine Einschnitte bei der Lehrerversorgung und zugleich eine adäquate Zuteilung von Gymnasiallehrern an unsere Schulen.
UMSETZUNG DER HANDLUNGSEMPFEHLUNGEN AUS DER WISSGEM Keine andere Schulform wurde je zuvor so intensiv durch eine Begleitstudie (WissGem) unter die Lupe genommen. Wir fordern, dass der Abschlussbericht von WissGem durch den Regierungswechsel nicht in einer Schublade verschwindet, sondern die zahlreichen Handlungsempfehlungen der beteiligten Bildungsforscher ernst genommen werden und zur Umsetzung kommen. WissGem bietet zahlreiche Hinweise in welche Richtung eine Weiterentwicklung unserer Schulen angezeigt ist. Daran wollen und sollen sich die Gemeinschaftsschulen auch künftig messen lassen. Übrigens: die Handlungsempfehlungen sind durchaus auch für die anderen Schularten interessant.
An den baden-württembergischen Gemeinschaftsschulen bekommen die Kinder die Zeit und die Rahmenbedingungen, sich für das Leben zu entwickeln. Nicht jeder Schüler wird ein Einstein, doch wir möchten gerne mit einem Zitat von ihm diesen Appell schließen:

Man sollte sich davor hüten, jungen Leuten Erfolg in seiner üblichen Form als ersten Zweck des Lebens zu predigen. Die wichtigste Motivation für Arbeit in der Schule und im Leben ist die Freude an der Arbeit, die Freude am Resultat und das Wissen um den Wert, den dieses Resultat für die Gemeinschaft besitzt.“ (Albert Einstein, 1879-1955)

Mit freundlichen Grüßen
Die Vorstandsmitglieder der Eltern-ARGEN für Gemeinschaftsschulen im Südwesten
Unterzeichner
Birgit Zauner (Arge RP Tü), mail: arge.gms.tuebingen@gmail.com
Sabine Buchmann-Mayer
Petra Rietzler (Arge RP Freiburg), mail: arge.gms.suedwest@gmail.com
Uli Kuppinger (Arge RP Stuttgart)
Sowie für das Elternnetzwerk im Verein für Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg e.V.
Annette Trube, Weinheimer
Dr. Ulrike Felger

Brief der Schülersprecherin Ina Kuppinger (Gemeinschaftsschule Schwaikheim)

Liebe Verhandlungsführer!
Mein Name ist Ina Kuppinger. Ich gehe auf eine Gemeinschaftsschule und bin dort Schülersprecherin. Ich gehe gerne dorthin. Ich habe mit meinen Eltern diese Schulart ausgewählt, weil die am besten zu mir passt. Ich bin ein lebhaftes Kind (auch in der 7. Klasse noch), und es fällt mir schwer lange still zu sitzen. Auch liebe ich es mit anderen zu reden und zu diskutieren. Deshalb fühle ich mich in der Gemeinschaftsschule wohl. Ich helfe auch gerne meinen Mitschülern, wenn die mal was nicht verstehen. Ich brauch ja auch oft genug Hilfe von den anderen. Eigentlich hatte ich eine Hauptschulempfehlung, arbeite jetzt aber zwischen dem mittleren und dem erweiterten Niveau. Bei dieser Schule sorgt die Abwechslung in der Lernform bei mir dafür, dass ich mich nicht so langweile und mich deshalb mit anderen Dingen beschäftige (Briefchen schreiben, schwätzen). Ich mach das zwar auch, aber nicht so oft wie früher in der Grundschule. Meistens nur, wenn wir zu lange „Frontalunterricht“ haben.
Ich möchte nicht auf eine andere Schulart, und ich will auch nicht, dass die Gemeinschaftsschule zu einer anderen Schulart wird. Es gibt schon Sachen die man ändern kann (Mittags das Schulgelände verlassen wenn’s was blödes zum Essen gibt, mehr Computer im Unterricht). Aber alle zusammen lernen und sich gegenseitig helfen ist toll. Bitte macht meine Schule nicht kaputt!
Ina Kuppinger
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