Hintergrund: In Baden-Württemberg gibt es rund seit vier Jahren eine neue Schulform, die Gemeinschaftsschule. Sie setzt die Grundidee der Binnendifferenzierung um, die besagt, dass Kinder durch stärker eigenverantwortlich und individuell gestaltbare Lernwege besonders gut und motiviert lernen können. Dabei ist eine bunt gemischte Gruppe – also vom Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf bis hin zum hochbegabten Spezialisten – für den Lernerfolg kein Hindernis. Im Gegenteil: Genau diese Vielfalt soll gleichzeitig viele (soziale) Lernprozesse anstoßen und auch ein Abbild unserer bunt gemischten Gesellschaft sein.

Die neue Schulform verabschiedet sich bewusst vom durchgängig gegliederten Schulsystem, das stärker nach äußeren Kriterien (z.B. Lerntempo, bisherige Lernerfolge, oft auch nach Herkunft und sozialem Status) differenziert und möglichst „homogene“ Gruppen zu bilden versucht.

In der neuen grün-schwarzen Koalition prallen daher bildungspolitisch Welten aufeinander. Die CDU will folglich die Entwicklung der Gemeinschaftsschulen nicht weiter fördern, sondern eher den Realschulen angleichen. Mit der Vorstellung, dass man auch an einer Gemeinschaftsschule Abitur machen kann, tun sich die Christkonservativen besonders schwer.

Ein schwäbischer Vergleich!

Stellen Sie sich einmal vor: Sie träumen schon lange von einem neuen Haus. Die Grundrisse liegen schon lange in der Schublade, sie kennen vergleichbare Bauten. Die Bauweise ist zwar ungewohnt, aber hat sich in vielen anderen Ländern bereits bewährt. Mehr noch: Im internationalen Vergleich stellte sich das modernere Konstrukt als besonders tragfähig dar.

Durch eine Gesetzesänderung ist es möglich, auch in Baden-Württemberg ein neues Konstrukt einzurichten, sofern der Gemeinderat grünes Licht gibt. Die Baugesuche werden in Eilverfahren bearbeitet und die Handwerker machen sich ans Werk. An den meisten Bauplätzen gibt es bereits einen Altbau, es geht also eher um eine Modernisierung und einen Anbau. Von den neuen gesetzlichen Möglichkeiten beflügelt, wird das Fundament gelegt, Handwerker gehen auf Fortbildung, um die neue Bauweise gut zu verstehen und anzuwenden. Aber die neuen Konstrukte passen sich nur schwer der Umgebungsbebauung an. Sie stechen heraus und sprengen die Vorstellungskraft vieler Anwohner. Dennoch entstehen landesweit in kürzester Zeit 271 solcher Bauvorhaben.

Mit viel Eigenleistung ans Werk

Bei der Umsetzung gibt es natürlich noch nicht viel Erfahrung, gleichzeitig ist viel Eigenleistung notwendig. An fast allen Orten ziehen die künftigen Bewohner schon während des Umbaus ein und es kommt schnell Leben in die Bude. In vier Jahren siedeln 35.000 junge Menschen um und sie fühlen sich offenkundig wohl. Sie werden heimisch, obwohl es immer noch eine Dauerbaustelle ist. Wird schon, denkt man sich, der Grundaufbau ist gut, die Pläne sind bekannt. Mit den richtigen Handwerkern und den vorliegenden Plänen wird der Ausbau gut voranschreiten. Außenstehende sind skeptisch, zu ungewohnt ist die neue Bauart. Leider zeigen sie sich auch etwas verbohrt und schauen nur wenig hinter die Fassade. Ihnen genügt der Blick von außen.

Baustopp – was nun?

Nun kommt eine andere Regierungspartei an die Macht und will den sofortigen Baustopp durchsetzen. Die alten Verordnungen sollen wieder her. Sie wollen außerdem, dass keine der bisherigen Baustellen ein Dach bekommt. Sie wollen wieder Türen und kleine, hübsch abgetrennte Räume wie früher haben.

Nur: welcher hiesige Häuslebauer würde zulassen, dass man einfach so einen Baustopp verhängt, bevor das Dach drauf ist? Wer würde ein nagelneues Gebäude niederreißen oder räumen, dem Gutacher bescheinigen, dass zwar in manchen Ecken noch gekehrt werden muss, aber bei dem die Bauqualität an sich stimmt?Solange das Fundament trägt und die Bausubstanz stimmt, würde man doch besser das Material zur Verfügung stellen, um das Haus fertig zu bauen, oder nicht?

Ich finde, das Motto sollte urschwäbisch lauten: schaffe, Schaffe, Schulhaus fertig baue.

Und dort, wo Bedarf und das Fundament vorhanden ist, kann ruhig noch ein Obergeschoss drauf gesattelt werden. Und noch etwas: die 35.000 Bewohner sind freiwillig eingezogen und wollen nicht ausziehen. Mehrere Tausend neue Bewohner kommen ab Herbst hinzu. Allerdings finden sie es allesamt ziemlich unverschämt, dass ihre Lernhäuser ständig von außen mit Dreck beworfen werden und in die Vorgärten gespuckt wird. Viel lieber würden sie Besuchern die Innenräume zeigen und vorführen, wie es sich darin lebt und wie man das Zusammenleben gestaltet. Deshalb: Schauen Sie doch einfach rein, zum Beispiel beim nächsten Tag der offenen Türe.

Hier ein paar Eindrücke aus reellen Gemeinschaftsschul-Neubauten:

Schule noch ohne Dach ist beispielsweise Mühlbachschule in Schemmerhofen kh-architekten.de

In der Alemannenschule in Wutöschingen hat das „weißen Lernhaus“ ein besonderes Raumkonzept

Auch in Rielasingen-Worblingen investiert die Gemeinde in neue Schulräume.

Was wir für die ab Herbst 299 Gemeinschaftsschulen des Landes fordern:

  • neue Schulstandorte genehmigen
  • Oberstufen bzw. gemeinsame Oberstufenzentren (ab 60 Schüler pro Jahrgang) ermöglichen
  • Lehrerzuteilung verbessern
  • Klassenteiler mittelfristig senken
  • Stellschrauben aus wissenschaftlichen Begleitforschung umsetzen

 

Text: Birgit Zauner

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